Nein sagen im Job
Nein sagen

Nein sagen im Job

Tipps, wie Sie im Job Grenzen setzen.

Im Beruf „Nein“ zu sagen sollte man ruhig früh genug lernen. Wenn es die Situation erfordert, selbst zum eigenen Chef. Warum? Nein zu sagen stärkt nicht nur das eigene Selbstbewusstsein, sondern schützt auch vor Stress und Überlastung. Dipl. Psychologin Beata Wagener klärt uns über Grenzen des Ja Sagens auf und gibt Tipps, wie man im Job am besten Nein sagt.

„Kannst du nochmal eben schnell bitte…“. Wer kennt diese, in der Regel rhetorische, Frage von Kollegen nicht. Viele, gerade Berufsanfänger, antworten dann gerne pauschal mit „Ja“. Doch Vorsicht, Jasager leiden oft an Überlastung und Überforderung, ihr Selbstbewusstsein wird geschwächt. Deshalb ist es ganz wichtig, dass Sie Ihren Stresspegel herunterschrauben und dazu gehört es, eben auch mal Nein zu sagen, meint Dipl. Psychologin Beata Wagener. Sie klärt uns im gemeinsamen Gespräch zum Thema Nein sagen im Job auf und gibt Tipps, wie man clever Nein sagt.

Orizon: Frau Wagener, viele Menschen können im Job schlecht Nein sagen, obwohl sie vielleicht selbst bereits am Ende ihrer Kapazitäten sind. Wo ist aus Ihrer Sicht eine Grenze erreicht, an der man klar Nein sagen sollte? 

Beata Wagener: Das ist eine sehr individuelle Frage. Und bedarf auch individueller Antworten. Der eine erträgt mehr und der andere weniger. Kritisch wird es dann, wenn Sie keine Zeit mehr für die eigenen Bedürfnisse und Aufgaben haben. Das macht auf Dauer unzufrieden. Wenn dieser Punkt kommt, sollten Sie sich selbst einfach mal klarmachen: „Was kostet mich das ständige Ja sagen eigentlich?“ Manchmal hilft es sich hinzusetzen und zu verschriftlichen, wie viel Zeit man eigentlich in die Aufgaben anderer investiert. Und wie viel Zeit einem dadurch für die eigenen Aufgaben fehlt.

Orizon: Warum fehlt vielen Menschen eigentlich der Mut, Nein zu sagen?

Beata Wagener: Das ist verbunden mit einer Urangst vor Ablehnung und Ausgrenzung. Diese Befürchtungen sind bei einigen Menschen stärker ausgeprägt, als bei anderen und somit kostet jedes Nein große Überwindung. Man hat Angst vor möglichen negativen Konsequenzen. Man befürchtet, nicht mehr gemocht zu werden, nicht mehr als Teamplayer zu gelten, als Egoist abgestempelt zu werden, ein schlechter Freund zu sein und/oder kein guter Arbeitnehmer zu sein und mit einem Nein seinen Arbeitsplatz aufs Spiel zu setzen.

Ein harsches Nein kann den Gegenüber zudem ziemlich vor den Kopf stoßen. Das möchte man natürlich nicht. Gerade Frauen haben oft Probleme Nein zu sagen. Dabei kann ich hier wirklich nur darauf verweisen, dass nicht das Nein an sich die Reaktion des anderen beeinflusst, sondern WIE man Nein sagt. Wenn ich ein Nein gut verpacke, kann ich die Reaktion des anderes durchaus positiv beeinflussen.  

Orizon: Gibt es denn Strategien, um zum „Nein-Sager“ zu werden?

Beata Wagener: Es gibt zumindest mehrere Möglichkeiten Nein zu sagen, ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen. Wichtig dabei ist, dass Sie deutlich machen, dass sich das Nein nicht auf die Person bezieht, sondern auf die Aufgabe die Sie übernehmen sollen und die Situation, in der danach gefragt wird. Ein begründetes Nein ist für den Gegenüber viel leichter zu verdauen. Damit zeigen Sie, dass Sie generell zur Hilfe bereit sind, derzeit jedoch selbst wichtige Aufgaben zu erledigen haben, die Sie zuerst abschließen müssen. Und damit bleibt auch die befürchtete negative Konsequenz aus.

• Begründetes Nein: „Tut mir leid, ich würde dir gerne helfen / dich unterstützen, aber (aus dem und dem Grund kann ich leider nicht), ansonsten/ein anderes Mal gerne“.

• Begründetes Nein, mit Alternativen: „Tut mir leid, ich kann jetzt leider nicht (aus dem und dem Grund), aber morgen/nächste Woche unterstütze ich dich gerne.“

• Verständnis zeigen: „Tut mir leid, dass du gerade so im Stress bist, ich verstehe dich und deine Themen sind sicher mindestens genauso wichtig wie meine, aber mir geht es gerade genauso und ich habe im Moment leider selbst genug zu tun.“ Daraufhin können Sie gerne noch einen Rat / Tipp geben. „Vielleicht würde das und das helfen, oder vielleicht hat ja XY Kapazitäten.“

Eine weitere Strategie ist auch folgende: Sie platzieren sich eine NEIN Haftnotiz in ihrem Sichtfeld. Das klingt zwar ganz banal, hat aber zwei positive Aspekte:

1. Sie haben einen Marker, der Sie kurz innehalten lässt, um nicht sofort Ja zu sagen, wenn Sie jemand darum bittet, eine Aufgabe zu übernehmen. Stattdessen nehmen Sie sich einen kurzen Moment der Bedenkzeit und stellen sich dann selbst diese 4 Fragen: Habe ich Zeit zu unterstützen? Habe ich selbst etwas davon, wenn ich helfe? Setze ich mich dadurch einem Druck aus? Und bin ich danach vielleicht sauer auf mich oder den anderen, weil ich wieder einmal Ja gesagt habe? Innerhalb von Sekunden können Sie dann entscheiden, ob Sie die Bitte Ihres Kollegen guten Gewissens mit einem klaren Ja oder Nein beantworten können.

2. Das Ganze hat aber noch einen zweiten positiven Effekt.Den Kollegen, die an Ihrem Arbeitsplatz vorbeilaufen, das NEIN sehen und nach seinem Sinn fragen, können sie gleich erklären, dass sie vor lauter Zusatzaufgaben in der letzten Zeit ihre eigenen Aufgaben nicht mehr geschafft haben. Das signalisiert ganz klar „Ich bin nicht mehr bereit, immer alles kompromisslos auf mich zu nehmen!“ und hat damit gleichzeitig einen erzieherischen Effekt. Wichtig: Sprechen Sie mit den Kollegen und erklären Sie Ihnen, warum Sie in nächster Zeit vielleicht öfter mal Nein sagen werden. Daraufhin können Sie davon ausgehen, dass Ihre Kollegen nicht mehr mit jeder Lapalie zu Ihnen kommen werden.

Orizon: Was ist, wenn ich doch einmal wieder zu voreilig Ja gesagt habe?

Beata Wagener: Wenn Ihnen das JA doch einmal (wieder) zu schnell über die Lippen gerutscht ist, können Sie es im Notfall zurück nehmen. Das sollten Sie allerdings möglichst zeitnah tun, indem Sie auf die Person zugehen und sagen, dass Sie bei Ihrer Zusage eben nicht bedacht haben, dass Sie selbst gerade so viel auf dem Tisch haben und deshalb leider doch nicht zur Verfügung stehen.  So kann man das ärgerliche Gefühl, dass man zu schnell ja gesagt hat oder überrumpelt wurde, mit einem guten Gefühl korrigieren.

Orizon: Und wie  geht man mit der Enttäuschung von Kollegen um, zu denen man gerade „Nein“ gesagt hat?

Beata Wagener: Ein begründetes Nein, von dem wir oben gesprochen haben, ist für den Gegenüber viel leichter anzunehmen. Und damit bleibt in der Regel auch die befürchtete negative Konsequenz aus. Die Enttäuschung der Kollegen kommt gar nicht erst zustande, wenn Sie Ihr Nein begründen und die richtigen Worte wählen. Viele reagieren sogar überrascht auf die fehlende negative Reaktion des Gegenübers. Versuchen Sie es ruhig einmal.

Ganz wichtig ist es, ein ausgewogenes Verhältnis für sich zu finden. Es geht nicht darum zum „Nein-Sager“ zu werden, sondern für sich festzustellen, wann Ihre persönliche Grenze erreicht ist.

Unsere Interviewpartnerin Beata Wagener ist Dipl. Psychologin und als Director Mental Health bei der GROW Human Excellence GmbH in Hamburg tätig.

 

 

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