Langeweile im Job - Dipl.-Psychologin Beata Wagener
Bore-out

Bore-out: Wenn Langeweile auf der Arbeit krank macht

Alle reden von Burn-out, aber keiner von Bore-out. Dabei ist ständige Unterforderung und Langeweile auf der Arbeit mindestens genauso unerträglich. Was die Folgen von Bore-out sein können und was Betroffene tun können, hat uns Dipl.-Psychologin Bea Wagener erklärt.

Das Bore-out-Syndrom ist bisher wenig bekannt. Davon betroffen sind Menschen, die zwar einen Job haben, aber keine Arbeit.

Keine Arbeit? Keine Belastung?

Hurra, wunderbar! Das hört sich nach leicht verdientem Geld an! Wer möchte nicht gern seinen Lebensunterhalt verdienen, ohne dabei ständig an die Grenzen der Belastbarkeit gehen zu müssen oder womöglich sogar noch darüber hinaus? Doch die Wahrheit sieht ganz anders aus.

Viele Angestellte leiden laut Umfragen unter der permanenten Unterforderung im Job. Niemand fühlt sich gern überflüssig, wenn es eigentlich darum geht, im „Flow“ zu bleiben, was so viel heißt wie: in seiner Tätigkeit aufzugehen.

Typische Bore-out-Symptome

Wenn es auf der Arbeit zu wenig zu tun gibt, verfallen Arbeitnehmer nicht selten in einen „Langeweile-Schock“. Oft finden die Betroffenen nur schwer wieder aus diesem Zustand heraus, da sie sich längerfristig in einer trügerischen Komfortzone einrichten. Aufwendig inszenierte Beschäftigungsstrategien sollen dabei helfen, den Job zu sichern.

Häufig treten nach einiger Zeit Symptome auf, die sich nicht nur auf den Arbeitsalltag der Menschen, sondern auf ihr gesamtes Leben auswirken. Diese Symptome sind ähnlich wie beim Burn-out sehr vielseitig. Spätestens dann sprechen Experten vom Bore-out-Syndrom.

Wir haben Dipl.-Psychologin Bea Wagener, Fachtherapeutin für Psychotherapie, gefragt, unter welchen Umständen sich lebensfrohe, leistungsorientierte Menschen in launische, depressive Mitarbeiter mit krankhaften Symptomen verwandeln.

1. Kann man vom Nichtstun krank werden?

„Nein, natürlich nicht! Süßes Nichtstun ist doch sehr angenehm. Zur Belastung wird es erst, wenn der Betroffene über einen längeren Zeitraum dazu gezwungen ist. Wenn jemand also gern mehr leisten möchte und sich dazu keine Gelegenheit im Job findet.“

2. Worin besteht der Unterschied zwischen dem Bore-out-Syndrom und der Faulheit Einzelner?

„Der Unterschied liegt ganz eindeutig darin, dass ein Faulenzer es grundsätzlich genießt, nichts zu tun. Menschen mit dem Bore-out-Syndrom sehnen sich jedoch danach, mehr zu leisten. Das kann sich auf das quantitative Arbeitspensum beziehen oder auch auf die Qualität der ihnen übertragenen Aufgaben.“

3. Wen betrifft das Bore-out-Syndrom? Gibt es Risikogruppen?

„Es sind leistungsbereite Menschen, die sich intellektuell gern einbringen und motiviert sind etwas zu erreichen. Häufig sind es Menschen, die Spaß haben an Herausforderungen, sich gerne Ziele setzen und sich am Ende des Tages mit ihrer Arbeit identifizieren wollen. Werden diese Menschen auf Dauer nicht gefördert und gefordert und schaffen es selbst nicht sich eine andere Arbeitsumgebung zu suchen, verlieren sie auf Dauer diese positiven Eigenschaften. Generell trifft es eher Büro- und Verwaltungsangestellte als handwerkliche Arbeiter, aber das Phänomen ist auch in der Dienstleistungsbranche zu beobachten.“

4. Ab wann kann Langeweile auf der Arbeit krank machen? Und was sind Bore-out-Symptome?

„Langeweile an sich ist erst mal nicht problematisch. Wenn jemand aber ständig ungewollt unter seinen intellektuellen Möglichkeiten arbeitet oder praktisch nichts zu tun hat, führt das zwangsläufig zu Unzufriedenheit und Frustration. Die meisten Menschen haben das Ziel, mit ihren Aufgaben zu wachsen. Eine große Rolle spielt dabei auch die Wertschätzung anderer für das, was man tut, und das Gefühl, eine sinnerfüllte Aufgabe zu haben. Fehlt das geeignete Umfeld, um die eigene Leistungsbereitschaft auszuleben und erlebt man seine Tätigkeit permanent als sinnlos, stellen sich ganz unterschiedliche Symptome ein. Oft sind es Ermüdungserscheinungen, Kopfschmerzen, Unausgeglichenheit und Selbstzweifel bis hin zu depressiven Verstimmungen.“

5. Die Betroffenen wenden sehr viel Energie für die Inszenierung ihrer Geschäftigkeit auf. Welches Ziel verfolgen sie mit dieser Verhaltensstrategie?

„Es ist schick, viel zu tun zu haben. Gar nicht schick ist es, zuzugeben, dass man an Unterforderung leidet, dass man quasi überflüssig ist. Es geht also darum, die eigene Daseinsberechtigung vorzutäuschen, damit man seinen Job nicht verliert. Die Betroffenen machen oft sogar Überstunden! Die Botschaft nach außen ist klar: Ich bin wichtig. Ich werde gebraucht. Niemand möchte sein Gesicht verlieren in der Arbeitswelt. Dieses Scheinbild aufrechtzuerhalten, kostet extrem viel Kraft und Energie. Letztlich ist dieses Aufrechterhalten der Fassade, gekoppelt mit der Angst enttarnt zu werden, die Ursache für den krankhaften Entwicklungsprozess.“

6. Welche Therapieansätze gibt es?

„Therapiert wird nicht das Bore-out-Syndrom an sich, sondern man konzentriert sich bei der Therapie auf dessen Ursprung. Ziel ist es, neue Ressourcen zu mobilisieren, um sich aus der unbefriedigenden Situation herauslösen zu können. Es geht darum, sich seiner ursprünglichen Stärken, Potenziale und Ziele bewusst zu werden und daraus wieder Motivation und den Mut zu finden, sich zu verändern und neue Wege zu gehen.“

7. Das Bore-out-Syndrom wird als psychologisches Krankheitsbild bisher nicht anerkannt. Warum?

„Es handelt sich beim Bore-out-Syndrom nicht um eine anerkannte Diagnose. Oft ist der Leidensdruck aber so stark, dass sich anhand der Symptome eine Diagnose ableiten lässt, z. B. eine Erschöpfungsdepression. Während das Bore-out Syndrom also nur die Ursache beschreibt, ist eine krankhafte Depression die Diagnose, bei der die Krankenkasse die Kosten für eine therapeutische Behandlung übernimmt.“

8. Was kann ich tun, um der Bore-out-Falle zu entkommen?

„Ich gebe Menschen, die sich chronisch unterfordert fühlen, aber sich noch keine Gedanken zu ihrer Situation gemacht haben, nicht unbedingt den Rat, sich sofort an die Personalabteilung zu wenden. Viel wichtiger ist Eigeninitiative. Der Betroffene muss sich fragen: Was kann ich? Was will ich? Wo liegen meine Stärken? Sehe ich mich auch in fünf Jahren in diesem Job? Und er muss Veränderungen herbeiführen. Natürlich kann das therapeutisch begleitet werden. Aber wenn man sich seiner eigenen Möglichkeiten bewusst wird, kann man das vermeiden. Vielleicht hilft schon eine Weiterbildung innerhalb des Unternehmens, die Bitte um Versetzung in eine andere Abteilung oder eine Tätigkeit mit mehr Verantwortung. Manchmal hilft aber nur ein Jobwechsel. Es geht letztlich immer um die eine Frage: Bin ich da, wo ich richtig bin? Und die kann nur jeder für sich selbst beantworten.“

 

 

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